Obwohl beim Lichtfang von Köcherfliegen häufig viele Weibchen der Gattung Hydropsyche gefangen werden scheuen sich viele Bearbeiter, diese zu bestimmen und konzentrieren sich allein auf die Determination der männlichen Imagines. Ursächlich hierfür sind zwei Gründe:

  1. die Differenzierungsmerkmale sind bei den Weibchen oft verdeckt, d. h. die letzten Segmente des Abdomens sind eingezogen (siehe Tipp unten),
  2. es fehlt an guter Bestimmungsliteratur für die Weibchen.

Nachfolgend wird mit neuen Zeichnungen und einigen Fotos versucht, zur Lösung dieser Probleme beizutragen.

Das Hydropsyche modesta/exocellata-Problem

Die im Rahmen des DAET-Projektes (Distribution Atlas of European Trichoptera - DAET) erhobenen Daten und die daraus resultierenden Verbreitungskarten von Hydropsyche exocellata DUFOUR, 1841, Hydropsyche contubernalis contubernalis McLACHLAN, 1865 und Hydropsyche modesta NAVAS, 1925 haben gezeigt, dass H. modesta scheinbar nicht Deutschland vorkommt, wohl aber in östlich und südlich angrenzenden Ländern sowie westlich in Frankreich bis dicht an die deutsche Grenze.

Hydropsyche modesta map-600

Abb. 1 Nachweise von Hydropsyche modesta-Männchen in Europa

 

Die vorstehende Karte beruht allein auf Imaginalnachweisen von H. modesta-Männchen, so dass sie recht verlässlich sein dürfte. Diese Karte hat mir Anlass gegeben, mich näher mit neuem Tiermaterial und der Bestimmungsliteratur zu dieser Art zu beschäftigen.

 

Die Larven von Hydropsyche modesta:

Die von NEU & TOBIAS (2003) sowie von WARINGER & GRAF (2011) angegebenen Unterscheidungsmerkmale für H. modesta und H. exocellata sind am Tier ohne Vergleichsmaterial der jeweils anderen Art schwer zu beurteilen. Hier besteht noch Forschungsbedarf.

 

Die Männchen von Hydropsyche modesta:

Nach NEU & TOBIAS (2003) sowie nach MALICKY (2004) sind die Männchen von H. modesta gut zu bestimmen - sofern man weiß, dass H. modesta der weit verbreiteten Hydropsyche contubernalis contubernalis McLACHLAN, 1865 sehr (!!!) ähnlich ist und leicht mit dieser verwechselt werden kann.

 

Die Weibchen von Hydropsyche modesta:

NEU & TOBIAS (2003) zeigen lediglich Bildausschnitte von der Lateralansicht des weiblichen Genitals, die freundlicherweise H. Tachet zur Verfügung gestellt hatte. MALICKY (2004) liefert keine Bestimmungsabbildungen von H. modesta-Weibchen.

Hier besteht also Bedarf an besseren Bestimmungsabbildungen. Nun hatte mir Akos Uherkovich aus Pecs, Ungarn,  von ca. 10 Jahren erfreulicherweise zwei Einmachgläser mit ca. 70 Proben von unbestimmten Hydropsyche-Weibchen aus seiner Sammlung überlassen und ich fand in mehreren Proben u. a. eine größere Zahl von Weibchen, die ich als H. modesta bestimmen konnte. Sie waren ausweislich der von A. Uherkovich übersandten Daten jeweils zusammen mit einer Vielzahl von H. modesta-Männchen gefangen worden.

 

Ergebnis:

Die H. modesta-Männchen ähneln den H. contubernalis contubernalis-Männchen stark,  die Weibchen von H. modesta zeigen jedoch mehr Ähnlichkeit mit H. exocellata!

 

Weiter unten finden Sie neue, einheitlich gezeichnete Bestimmungsabbildungen für die Weibchen folgender Arten der Hydropsyche guttata-Gruppe:

    Hydropsyche exocellata DUFOUR, 1841

    Hydropsyche modesta NAVAS, 1925

    Hydropsyche contubernalis contubernalis McLACHLAN, 1865

    Hydropsyche contubernalis masovica MALICKY, 1977

    Hydropsyche bulgaromanorum MALICKY, 1977

    Hydropsyche bulbifera McLACHLAN, 1878

    Hydropsyche ornatula McLACHLAN, 1878

    Hydropsyche guttata PICTET, 1834 (noch zu erstellen)

Die roten Pfeile oder Kreise in den Bestimmungsabbildungen weisen auf die wesentlichen Differenzierungsmerkmale hin, die jeweils am unteren rechten Rand befindlichen Verbreitungskarten beruhen ausschließlich auf Imaginalfunden von Männchen dieser Arten. Mit einem Fragezeichen versehene Fundpunkte deuten auf Bestimmungen hin, die nochmals überprüft werden sollten. 

 

 

Peter Neu (02-2016)

 

 

Bestimmungstafeln für Weibchen einiger Arten der Hydropsyche guttata-Gruppe

Hydropsyche exocellata W draw2

 

Hydropsyche modesta W draw

 

Hydropsyche cont cont W draw

 

Hydropsyche cont masov W draw1

 

Hydropsyche bulgroman W draw

 

Hydropsyche bulbifera W draw

 

Hydropsyche ornatula W draw1

 

Hydropsyche guttata W draw

 

 

Tipp: Hydropsyche-Weibchen leichter bestimmen

Die Erkennbarkeit der Differenzierungsmerkmale am weiblichen Genital von Hydropsyche-Arten hängt ganz wesentlich von der Fangmethode und der Art und Konzentration des Konservierungsmittels ab.

Bei automatischen Lichtfallen werden die Tiere lebend in eine Fangflüssigkeit (meist Ethanol) geführt, was beim Hineinfallen zu einer Verkrampfung und damit zum Einziehen der Segmente IX und X führt. Die Bestimmungsmerkmale sind dann nicht mehr sichtbar. Viele Trichoptera-Bearbeiter stecken auch die mit der Hand (Kescher, Glas, Exhaustor) gefangenen Tiere lebend in Ethanol. Zur Konservierung werden die Tiere in hoch konzentrierten Alkohol überführt, wodurch die Eiweißverbindungen im Körperinneren sehr hart werden.

 

Sollen Hydropsyche-Weibchen bestimmt werden, empfiehlt sich die Konservierung der Tiere in Ethanol mit max. 65%. Hierdurch bleiben sie weich und die Endsegmente lassen sich unter dem Binokular mit Pinzette herausquetschen oder mit dorsal eingeführter dicker Präpariernadel nach hinten ausklappen. Hierdurch werden die Bestimmungsmerkmale sichtbar.

 

Ist älteres und verhärtetes Material zu bestimmen,  muss das Abdomen abgetrennt und in 10%iger KOH-Lösung bei ca. 65°C etwa 13 - 15 min mazeriert werden. Anschließen ist das Abdomen in warmem destilliertem Wasser für weitere 10 - 20 min zu wässern. Hierdurch verflüssigt sich das Gewebe im Körperinneren und kann mit der Pinzette ausmassiert werden. Hierbei treten die Endsegmente aus dem Abdomen hervor. Wenn das Abdomenende klar und durchsichtig ist, können die Strukturen unter dem Binokular oder Mikroskop betrachtet und das Tier bestimmt werden.

 

Eigene Erfahrungen:

Bei Handfängen sammle ich die Tiere mit einem „Tötungsglas“ vom Leuchtturm oder aus dem Kescher. In diesem Glas befinden sich Zellstoffstreifen (Küchenrolle), auf die einige Tropfen Essigäther (Essigsäureethylester, Äthylacetat) gegeben wurden. Die im Glas entstehenden Dämpfe betäuben die Tiere und töten sie, ohne dass es zu Verkrampfungen kommt. Anschließend werden sie bis zur Bestimmung in 65%igem Ethanol aufbewahrt. Erst nach Bestimmung und Etikettierung werden sie in hoch konzentriertem Alkohol konserviert.