Wormaldia occipitalis -„Typ 1“ und –„Typ 2“ waren Arbeitsbezeichnungen für zwei Wormaldia-Arten, die bisher gemeinsam als Wormaldia occipitalis (PICTET, 1834) geführt wurden, nach neuen Erkenntnissen aber in mehrere separate Arten unterschieden werden müssen.

 

Die Untersuchung einer Vielzahl von Wormaldia-Exemplaren, Recherchen im Naturhistorischen Museum Genf sowie die Nachsuche am Typenfundort von Wormaldia occipitalis (PICTET, 1834) in der Umgebung von Genf sowie von Wormaldia subterranea RADOVANOVIC, 1932 am Typenfundort in der Podpeska jama Höhle in Slowenien zeigten:

 

Wormaldia occipitalis-Typ 1   =   Wormaldia occipitalis (PICTET, 1834)

und

Wormaldia occipitalis-Typ 2   =   Wormaldia subterranea RADOVANIVIC, 1932.

 

Beides sind gut unterscheidbare Arten.

 

Wormaldia subterranea RADOVANOVIC, 1932 war von Schmid anlässlich der Revision der Trichoptera im Naturhistorischen Museum Genf (1943/44) und Botosaneanu (1960) fälschlicherweise mit Wormaldia occipitalis synonymisiert worden. Diese Diagnosen veröffentlichten beide in BOTOSANEANU & SCHMID (1973): Les Trichoptères du Muséum d’Histoire naturelle de Genève, obwohl KIMMINS (1953) deutlich auf die Unterschiede zwischen beiden Arten hingewiesen hatte.

Morphologisch unterscheiden sich die beiden Arten im männlichen Genital an der Form von Tergit VIII und Segment IX, an der Form der oberen Anhänge des IX Segments sowie an der Bedornung des Aedeagus. Ferner zeigen statistische Auswertungen deutlich verschiedene Spitzenflugzeiten und sich überschneidende, aber nicht deckungsgleiche Verbreitungsgebiete. Wormaldia occipitalis ist von den Alpen nach Norden verbreitet und auch im Tiefland zu finden während die Vorkommen von Wormaldia subterranea auf montane Regionen Mittel- und Südost-Europas beschränkt sind.

 

Wormaldia juliani KUMANSKI, 1979

Im Zuge der Untersuchungen fielen Exemplare aus Bulgarien und Griechenland auf, die weder Wormaldia occipitalis noch Wormaldia subterranea zugeordnet werden konnten. Literaturstudien zeigten, dass diese Tiere exakt der Wormaldia juliani KUMANSKI, 1979 entsprechen, einer Art, die offensichtlich aufgrund der Verwirrung um Wormaldia occipitalis lange übersehen wurde. Die Untersuchung eines Paratypus von Wormaldia juliani KUMANSKI, 1979 aus der Sammlung H. Malicky bestätigte die Diagnose. Wormaldia juliani ist in Griechenland und im südöstlichen Bulgarien verbreitet.

 


Neu eingefügt!

Wormaldia echinata TOBIAS, 1995 kann bei oberflächlicher Betrachtung mit Wormaldia occipitalis verwechselt werden, unterscheidet sich jedoch durch das schaufelartige ventrodistale Ende der oberen Anhänge von letzterer. Außerdem zeigt der Aedeagus einen auffälligen und langen Kamm von dichten kurzen Stacheln im  Schaft. Wormaldia echinata kommt in den Westalpen (Frankreich, Italien) vor.


 

Spezies der Wormaldia occipitalis/subterranea-Gruppe

Wormaldia occipitalis (PICTET, 1834) findet sich mit konstanten Merkmalen nördlich des Alpenhauptkammes (Österreich, Schweiz, Ost-Frankreich, Deutschland, Tschechei, Polen, Benelux, Dänemark, Britische Inseln, Norwegen). Die von ANDERSEN (1983) aus Norwegen beschriebene Wormaldia occipitalis trifida ist nach meiner Auffassung ein Synonym von Wormaldia occipitalis ((PICTET, 1834)).

Die Merkmale von Wormaldia occipitalis (PICTET, 1834) und W. subterranea RADOVANOVIC, 1932 variieren im Verbreitungsgebiet nördlich der Alpen kaum. Auch in den französichen Alpen und in den ligurischen Alpen zeigt Wormaldia occipitalis konstante Merkmale, weiter südöstlich sind jedoch zunehmend Abweichungen von den Exemplaren aus der Region Genf, aus der das Typenmaterial stammt, festzustellen. In Österreich und Nordost-Italien finden sich südlich des Alpenhauptkammes Populationen, die von der typischen Wormaldia occipitalis (PICTET, 1834) durch eine deutlich reduzierte Zahl von Dornen und Stacheln im Aedeagus abweichen. Hier scheint es nach Osten hin weitere Arten bzw. Unterarten zu geben, die noch besser untersucht werden müssen. Als einziges sicheres Unterscheidungsmerkmal sehe ich derzeit das für W. occipitalis typische Vorhandensein des ausstülpbaren Fortsatzes mit einer Borstengruppe an der Aedeagusbasis an. Diese ist jedoch nur nach Mazeration des Abdomens und mikroskopischer Untersuchung des Aedeagus zu erkennen.

 

Aus den Abruzzen ist die Subspezies Wormaldia occipitalis morettii VIGANO, 1981 beschrieben, die von W. occipitalis gut abgegrenzt ist. Ich sehe sie als eigene Spezies Wormaldia morettii VIGANO, 1981 an.

 

Die aus der Podpeska jama-Höhle (Slowenien) beschriebene Wormaldia subterranea RADOVANOVIC, 1932 ist mit konstanten Merkmalen in Slowenien und Kroatien, und von dort nach Norden und Westen hin über Ungarn, Österreich, Deutschland und Ost-Frankreich bis nach Belgien zu finden (siehe Verbreitung). Nach Süden und Südosten treten verwandte Formen auf.

Hierzu gehört die von BOTOSANEANU 1960 beschriebene Wormaldia occipitalis bosniaca, die eindeutig zur Wormaldia subterranea-Gruppe gehört, aber von Wormaldia subterranea durch Merkmale im Aedeagus klar abgegrenzt ist.  Die beiden Gruppen aus langen, dünnen und gebogenen Stacheln nahe der Aedeagusspitze und das dunkle Büschel kurzer borstiger Haare nahe der Aedeagusbasis rechtfertigen den Status als Spezies. Ich bezeichne sie als Wormaldia bosniaca BOTOSANEANU (1960)

 

Im Jahr 2004 hat BOTOSANEANU bereits die von ihm beschriebene Wormaldia occipitalis vaillantorum BOTOSANEANU, 1980 zu Wormaldia juliani gestellt. Er erwähnt, dass KUMANSKI Vorkommen von W. juliani von Korfu und anderen griechischen Inseln angibt, besteht aber auf dem Subspezies-Status “vaillantorum” der Tiere aus Korfu, die nach seiner Ansicht eine “geografische Rasse” bilden. Ich habe zwischenzeitlich Tiere mit gleichen Merkmalen z. B. aus Mirtea, aus Pendayi und aus Tsikneika (GRC) gesehen, die ein feines Borstenbüschel auf einem ausstülpbaren Fortsatz des Aedeagus tragen. Dieses Borstenbüschel ist mal mehr, mal weniger stark gefärbt und zuweilen glasklar, so dass es leicht übersehen werden kann. Die Tiere zeigen ansonsten keine Unterschiede zu Wormaldia juliani KUMANSKI, 1979, weshalb Wormaldia occipitalis vaillantorum bzw. Wormaldia juliani vaillantorum von mir als Synonym von Wormaldia juliani KUMANSKI, 1979 angesehen wird.

 

Auch Wormaldia occipitalis hellenica JACQUEMART, 1962, die von BOTOSANEANU & MARLIER, 1981 mit Wormaldia occipitalis occipitalis (PICTET, 1834) synonymisiert wurde, gehört zur Wormaldia subterranea-Gruppe. Sie unterscheidet sich von W. subterranea durch eine dritte Gruppe aus 1 - 3 singulären dünnen Stacheln nahe den paarigen, nur einzeln ausgebildeten langen dünnen Stacheln unter der Aedeagusspitze. Zudem sind die Strukturen der Aedeagusspitze auffallend stark sklerotisiert und deutlich erkennbar braun gefärbt. Das Segment IX ist am distalen oberen Ende eckig, der Ansatz des Sattels in Segment X kantig, zuweilen zu einem Haken ausgeformt. Die dunklen Stoppeln auf der Innenseite der Harpago ziehen sich vom distalen Ende ventral bis in die vordere Hälfte. Diese Merkmale sind in typischer Form in Populationen im östlichen und nördlichen Griechenland sowie weiter nach Norden in  Bulgarien (Stara Planina) und Rumänien (Karpaten) zu finden. Ich bezeichne sie als Wormaldia hellenica JACQUEMART, 1962.

 

Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen sind in der Lauterbornia  79 (2015) publiziert. Zusätzliche Erkenntnisse werden mit der Zeit hier eingestellt. Wer die Lauterbornia bezogen hat, möge bitte den beiliegenden “Errata”-Hinweis ausdrucken und vor  S. 107 einfügen. Danke!

 

Weiter zu:

Terminologie und Nomenklatur der Wormaldia-Arten

Methodik zur Bestimmung der Wormaldia-Arten

Wormaldia-Bestimmungstafeln

Verbreitung der Arten der Wormaldia occipitalis/subterranea-Gruppe


 

Verwendete, auch nicht zitierte Literatur

BOTOSANEANU, L., & G MARLIER (1981): Les Wormalia Ouest-palearctiques (Insecta: Trichoptera) des Collections de l´Institut Royal des Sciences Natureles de Begique. Contribution a l`etude de la variablilite des Wormaldia, Bull. Inst. r. Sciu. nat. Belg., 53-19, Bruxelles, 20-X-1981

BOTOSANEANU, L. (1980): Six nouvelles espèces ou sous-espèces de trichoptéres d’Europe Méridionale (Trichoptera). - Bulletin Zoologisch Museum Universiteit van Amsterdam, 7/17: 165-179.

BOTOSANEANU, L. (1960a): Revision de quelques especes de Philopotamus Leach. et de Wormalida McL (Trichoptera, Philopotamidae). - Acta Soc.Ent.Cechoslov., 57 (3):223-228

BOTOSANEANU, L. (1960b): Trichoptères du Yougoslavie. -Deutsche Entomologische Zeitschrift NF 7 III: 271-274

BOTOSANEANU, L. (2004): Western Palaearctic Trichopterological Miscellanea (Insecta: Trichoptera). - Travaux du Muséum National d’Histoire Naturelle “Grigore Antipa”, Vol. XLVI, 161-179

GONZÁLEZ, M.A. & L. BOTOSANEANU (1983): Étude d’un groupe d’espèces nettement symtatriques de Wormaldia McLACHLAN de l’quest de la péninsule ibérique (Trichoptera). - Bulletin Zoologisch Museum Universiteit van Amsterdam, 9/18: 165-171.

JACQUEMART, S. (1962): DEUX Sous-Especes de Wormaldia (Trichopteres, Philopotamides). - Institut Royal des Sciences Naturelles de Belgique, Bulletin XXXVIII, No. 32, Bruxelles

KIMMINS, D.E., (1953): A key to the European species of Wormaldia (Trichoptera, Philopotamidae), with descriptions of two new subspecies, The Annals and Magazine of Natural History, Ser. 12, No. 71

KUMANSKI, K. (1979): To the Knowledge of Genus Wormaldia (Trichoptera, Philopotamidae) from the Balkans and Anatolia. - Acta Zoologica Bulgarica 12, Sofia

MACAN, T.T. (1973): A Key to the Adults of the British Trichoptera, Freshwater Biological Association, No. 28

McLACHLAN, R. (1884): A Monographic Revision and Synopsis of the Trichoptera of the European Fauna - First Additional Supplement. -E. W. Classey Ltd, Hampton, Middlesex.

MALICKY, H., (1983 und 2004): Atlas der Europäischen Köcherfliegen, Dr. W. Junk Publishers, The Hague, NL.

MOSELY, M.E. (1939): The British Caddis Flies (Trichoptera): A Collector's Handbook. - Routledge, London, 320 p.

PICTET, F.-J. (1834): Recherches pour Servir a l’Histoire et a l’Anatomie des Phryganides. -Geneve, A. Cherbuliez; [etc., etc.]

RADOVANOVIC, M. (1932): Wormaldia subterranea n. sp., eine neue in den Höhlen Jugoslawiens gefundene Trichopterenart. - Deutsche Zoologische Gesellschaft, Zoologischer Anzeiger 100, 102-108

TOBIAS, W. & TOBIAS, D. (1981): Trichoptera Germanica - Bestimmungstafeln für die deutschen Köcherfliegen, Teil I: Imagines. - Cour. Forsch.-Inst. Senckenberg, 49, S. 1-672

VAILLANT, F. (1974): Quelques Trichoptères Philopotamidae de France et d’Algerie. - Annales de la Société Entomologique de France (NS), 10, 969-985.

VIGANÒ, A. (1974): Appunti su alcune specie di tricotteri dell’ Appenino toscano. - Bollettino del Museo di Zoologica dell’ università di Torino, 4 : 25-32.